Automatenmusik

An einem der ersten warmen Frühlingstage ist es einsam im Automatenlokal. Nebenan vorm veganen Eissalon stehen die Menschen Schlange. Das Drogeriegeschäft auf der anderen Seite pulsiert im Vergleich zu dem, was hier passiert. Es empfiehlt sich, die Augen zu schließen und auf die Geräusche zu achten. Die vier Kühlautomaten und das verglaste Fächerregal brummen und rumpeln. Ein Gerät vibriert im Takt. Man fühlt sich wie in einen futuristischen Song hineingeraten, Genre: Ambient Industrial. Die Augen wieder geöffnet leuchten Neonschilder und Automatenlichter, es blinkt und flackert. Was darf es sein? Bier, Wein, Wasser, Kaffee und mindestens ein halbes Dutzend Limonadensorten gibt es. Suppen, Saucen, Süßigkeiten. Wraps und Mikrowellenspeisen warten auf Kaufwillige. Nudeln, Milch (herkömmlich oder vegan) und Balsamico wollen aus ihren Fächern gedrückt werden. Eine Leuchttafel preist das Wochenmenü an: Cordon bleu, Gnocchi, Geröstete Knödel, Cannelloni. Es gibt alles: Krachmandeln, Kekse und Erdnussflips. Fischdosen, Katzenzungen, Energieriegel – weshalb kauft hier niemand ein? Vielleicht wegen des Supermarkts gleich schräg gegenüber?
Spätabends ist das Automatenlokal verlassen. Wahrscheinlich ist nicht der richtige Tag. Werden am Wochenende die nächtlichen Partydrinks hier geholt? Plötzlich öffnet sich die Tür. Ein etwa 50jähriger Mann geht von einem Automaten zum nächsten und begutachtet die Waren, während er kaum vernehmbar in sein Handy murmelt. Dann abermals das wischende Geräusch der Schiebetür. Ein etwas Jüngerer betritt das Geschäft aus der Zukunft, steuert direkt auf einen der Getränkeautomaten zu, drückt, wirft Münzen ein, greift nach der ins Entnahmefach gerumpelten Flasche und geht.
Nächtens ist das Automatenlokal hell beleuchtet, als wolle es Motten locken. Es zieht einen fast hinein ins brummende Innere. Am Ende drückt auch der Telefonierer was runter.
(Wien/sl)