Brigittenauer Pitbulls

„Ja, Schatzi!“, ruft das Mutterl. Es sieht harmlos aus mit den jugendlich wachen Augen und dem blauen Hut.
„Er will Gassigehen“, sagt sie und ich nicke pflichtschuldig, das Handy in der rechten, die Leine in der linken Hand. Wie das so ist, wenn ich mit dem Hund unterwegs bin, verfällt mein Gegenüber in einen Redeschwall. Hunde/Kinder sind Eisbrecher, ob Herrl/Vater will oder nicht.
„Also, meine Tochter, die wohnt in zwanzigste Bezirk“, eröffnet sie selbstbewusst, und rollt dabei sachte das „r“. Wirklich verräterisch ist die falsche Präposition. „Und sie hat Pitbull“, fährt sie fort.
„Wie schön“, antworte ich, weil ich Pitbulls wirklich mag.
Aber das hört sie gar nicht: „Ist streng in Wien. Sie geht immer nur bei Nacht spazieren. Und ein Mal, da war“ – jetzt führt sie den Zeigefinger ganz nah an ihren Mundwinkel – „der Beißkorb wirklich nur ein bissi so varutscht. Da kommt eine Polizistin und sagt Strafe, 400 Euro.“
„Mah, oasch“, antworte ich und meine es ehrlich.
„Ja, sie geht wirklich nur nachts spazieren, Hundeschule, Hundeführerschein, dies, das. Kostet! Aber ja, 400 Euro. Und ist wirklich nur ganz kleine Pitbull.“
Ein fehlender unbestimmter Artikel, das „r“ drängt öfter nach vorne. Sicher eine Landsfrau, denke ich. Den Pitti haben die fix aus der Heimat. Eine Folge von „Dogs“ rennt in meinem Kopf ab.
„Das ist echt Mist“, sage ich wieder ehrlich, „aber ihre Tochter kümmert sich ja super um ihn. Pitbulls sind in Wien die am besten erzogenen Hunde“, sage ich aus Erfahrung.
Dann gehts richtig los: „Ja, 400 Euro muss zahlen! Aber die Asylanten, was vergewaltigen und morden diese Mädchen, die –“
„Wow, äh –“
„– ja, was kriegen die?“
„Na ja, die Verdächtigen vom Sommer sitzen in U-Haft.“
„Ungerecht, ungerecht! 400 Euro, aber die Asylanten!“
Ich sag nur „Ja, ja“ und meine es ganz ehrlich.
Wir gehen weg vom blauen Hut, der uns nochmal „400 Euro!“ hinterher ruft.
(Wien/mm)