Kalte Rinde

Aus der richtigen Perspektive betrachtet, sieht es am Wienerberg aus wie in Finnland. Zumindest so, wie man sich als Wien-Bewohner Finnland halt vorstellt. Die richtige Perspektive stellt sich auf dem Hügel ein, der hinten zur Triester Straße abfällt und vorne auf das „Erholungsgebiet Wienerberg“. Die phantasielose offizielle Bezeichnung wird dieser Ecke der Großstadt aber nicht gerecht. Denn von hier, jenseits der offziellen Wege durch das 1,2 Quadratkilometer große frühere Ziegeleigelände, überblickt man einen riesigen Teich, Wälder, Wiesen, weitere Hügel. Ein paar schüchtern zwischen Sträuchern und Bäumen hervorblinzelnde Hochhäuser erinnern an die rundum liegende Großstadt. Und der Lärm der Straße dringt ebenfalls unüberhörbar herauf.
Durchs Schilf rauscht ein kühler Frühlingswind und wirft kleine Wellen auf die Wasseroberfläche. Zwei Birken bekommen sehr viel Aufmerksamkeit von einer Dame, die sie umarmt. Wir wollen sie fragen, was sie empfindet, wenn sie Bäume streichelt. Doch sie ist so versunken in ihre Naturliebe, dass es uns unstattlich erscheint, sie zu stören. Stattdessen versuchen wir es auch mal – aber erst, als niemand in Sichtweite ist. Wir umarmen einen Baumstamm, über dem sich die noch kahle Krone erhebt. Nuss? Ahorn? Keine Ahnung. Als wir uns an die kalte Rinde schmiegen, spüren wir: kalte Rinde. Sonst nichts.
(Wien/sl)