Der vergrabene Stier

Ostermontagvormittag im Berliner Volkspark Humboldthain. Menschen mit Hunden. Andere, die sich nach einer kalten Nacht in der Wiese liegend aufwärmen. Vogelzwitschern, Bienensummen, Feiertagsruhe. Nur einer muss arbeiten. Der Angestellte des Vereins „Berliner Unterwelten“ lässt Wasser in eine kleine Plastikwanne. In dieser befeuchtet er Stoffbahnen, die er dann zu einer frisch ausgehobenen, mit Bauzäunen umgitterten Grube trägt.
Ausgegraben wird hier ein 77 Jahre lang verschollener Stier. Bis vor kurzem lautete die Annahme, dass die vom Bildhauer Ernst Moritz Geyger 1901 geschaffene Marmorskulptur zu Kriegsende zerstört wurde. Anfang dieses Jahres forschte „Berliner Unterwelten“ noch einmal nach. Geophysikalische Untersuchungen zeigten, dass da etwas vergraben ist. Mitte April schließlich die Sensation: der etwa vier Meter lange und zweieinhalb Meter hohe „Weiße Stier“ ist an seinem alten Platz – allerdings etwa einen Meter unter der Erde. Wie er dorthin geraten ist, ist derzeit noch unklar. Jetzt wird er an die Oberfläche geholt.
Am Feiertag ruht das bisher Aufgefundene unter Planen, sichtbar ist lediglich das Podest, auf dem der Stier einst stand. Gegraben wird erst ist wieder nach Ostern. Nur der Baum neben dem Loch muss betreut werden.
„Den Baum interessiert es nicht, ob Feiertag ist“, erklärt der „Unterwelten“-Mitarbeiter freundlich, die Sonnenbrille auf die Stirn gerückt. Die nassen Stoffteile legt er auf Wurzeln, die von den Schaufeln freigelegt wurden und nun feucht gehalten werden müssen. Vom Stier sei bereits der Torso ausgegraben worden, auch Ohren und Schwanz des Marmortieres wurden gefunden. Was mit der lädierten, aber offenbar vollständig vorhandenen Skulptur passiert, ist noch nicht entschieden, sagt er. Dann widmet er sich weiter den Wurzeln des Baumes, an dessen Fuß der Stier jahrzehntelang schlummerte.
(Berlin/sl)