Klavier statt Geschütz

Beim letzten Lied singen viele der Anwesenden mit. Bei den Ukrainer:innen scheint es beliebter zu sein als die zuvor erklungene Hymne.
„‚Chervona Ruta‘ ist so etwas wie die zweite Hymne“, erklärt Evgeny Khmara später, „alle kennen das Lied“. Wir stehen neben der Pestsäule am Wiener Graben. Ein paar Meter weiter zieht ein weißer Flügel die Aufmerksamkeit von Touristinnen und Passanten auf sich. Die Organisation „Open Piano for Refugees“ hat das Instrument aufgestellt. Der Verein platziert Klaviere an öffentlichen Orten und lädt zum Spielen ein. Dabei werden Spenden gesammelt – an den letzten Apriltagen in Wien für die Ukraine-Hilfe der Caritas.
Evgeny Khmara lebt als Pianist in Kiew. Schon während des Auftritts hat er gesagt, was er nun nochmal betont: er habe eine Genehmigung des ukrainischen Kulturministeriums für seine Fahrt nach Westeuropa. Bekanntlich ist es Männern seines Alters verboten, aus dem Kriegsgebiet auszureisen. In zwei Wochen fahre er nach Kiew zurück, sagt Khmara. Fast hat man das Gefühl, er will sich dafür rechtfertigen, dass er Klavier spielt anstatt ein Geschütz zu bedienen.
Unter denen, die bei den letzten beiden Stücken am lautesten mitsangen, sind viele Frauen mit Kindern. Ein paar hatten sich bereits Tränen aus den Augen gewischt, als Khmara seine Stücke spielte. Bei den Liedern, die Khmaras Gattin Daria Kovtun zur Klavierbegleitung rezitierte, bewegten einige ihre Lippen. Bei der Hymne sangen viele mit. Mit Cervona Ruta, dem Volkslied über eine Blume und die Liebe, endete das kurze Freiluftkonzert schließlich lautstark und beinahe fröhlich.
Nach dem Auftritt leert sich der Platz neben der Pestsäule. Um den Flügel nicht verstummen zu lassen, spielen zwei der Organisatoren abwechselnd kurze Stücke. Dazwischen fordern sie Vorbeigehende auf, etwas zum Besten zu geben. Doch viele Musiker:innen scheinen heute nicht am Graben unterwegs zu sein.
(Wien/sl)