Geisterstadt

Betritt man den Saloon, merkt man gleich, dass etwas nicht stimmt. Die Bodenbretter sind modrig, in der Mitte des kleinen Raums klafft ein größeres Loch. Vor allem aber: hier gibt es weder eine Bar noch Tische, Stühle oder sonst etwas, das zu einem Saloon gehört. Der Raum ist außerdem nur wenige Quadratmeter groß. Spätestens wenn man dann hinter den Saloon tritt, sieht man, dass es sich hier um eine Kulisse handelt. Diese ist zwar einsatzbereit, wurde aber offensichtlich schon länger nicht mehr gebraucht.
Vor fünf Jahren wurden in diesem alten Steinbruch inmitten des Gföhlerwaldes zuletzt Winnetou-Spiele aufgeführt. Seither schlummert die Wildwestkulissenstadt vor sich hin. Nur in dem riesigen Wigwam, der es sogar ins Guiness Buch der Rekorde geschafft hat, findet einmal jährlich noch eine Party statt – oder fällt wie im vergangenen Jahr coronabedingt aus. Den Rest des Jahres warten zurückgelassene Requisiten – ein Büffelschädel liegt im Wald, ein Bogen hängt in einem Raum – darauf, wieder instand gesetzt zu werden.
Überall hängen Schilder, die Unbefugten den Zutritt untersagen. Doch alles steht einladend offen. Im Winchestershop waren die Räume für die Mitarbeiter:innen. Verschlossene Spinds stehen da, die Schlüssel liegen gleich am Regal gegenüber. Ein paar vergessene Ohrstöpsel und eine leere Platzpatronenschachtel erinnern daran, dass dem zahlenden Publikum hier Action geboten wurde.
Etwas abgelegen hinter der Kulissenstadt verwittern Baucontainer und verlassene Wohnwägen. Auch deren Türen stehen offen. In einem Wagen liegen eine Plane, eine Kindersocke, Wäscheklammern – als hätte der letzte Aufbruch überstürzt stattgefunden. Während man unbefugt das Gelände durchstreift, sieht man immer wieder frische Schuhabdrücke in der feuchten Erde. Ein Knacken irgendwo im Gebüsch. Schleicht hier noch jemand durch die Geisterstadt?
(Gföhleramt/sl)