Kümmerlich goldgelb

Seit dem ersten Lockdown habe ich Penzing kaum verlassen. Die Vorortelinie ähnelt der Westbahn. Ein Tagesausflug ins Burgenland entspricht einem Kurztrip zum Balaton.
An diesem schönen Sonntag ist Eugen bei seinen Großeltern am Neufelder See. Martin, sein Herrl, mag es nicht, wenn man Eugen „das Enkerl“ nennt. Schließlich ist Eugen ein Mops und die Großeltern sind Martins Schwiegereltern. Martins Frau Valli findets witzig und zieht Martin damit auf.
Eugen stand mal auf meinen Hund und war dabei sehr aufdringlich. Der Kastrat erwiderte die Avancen immer mit purem homophobem Hass. Darum trägt er heute Beißkorb.
Eugens Oma hat sich hervorragend gehalten. Früher düste die Staatsdienerin i.R. täglich mit dem Rad an mir vorbei, stets grinsend, trotz der unmenschlichen Morgen-Gassi-Zeit. Ihr Schmäh „Ich bin auf dem Amtsweg!“ wurde nie fad.
An diesem schönen Sonntag führt Eugens Oma meinen dreijährigen Sohn ans Wasser und zeigt auf kleine fette Fische. „Da kriegst Ärger mit den Esterházys, wennst auch nur einen rausziehst“, sagt Eugens Opa, ein roter Arzt vor der Pension. Eine dichte Wolkenwand zieht hinterm Seebad auf. Daneben simuliert eine kümmerliche goldgelbe Scheibe die Sonne.
Valli, ganz Comiczeichnerin, ruft „Aarrrgh!“ und zieht Eugens Namen lang. Der Mops nutzt die Action am Steg, um meine Sachen zu markieren. Mein weißes Leinenhemd, meine Hose, meine Unterhose – alles ist nun kümmerlich goldgelb. Was mich enttäuscht: Normalerweise schlägt Eugen beim Pinkeln ein Rad. Nicht so bei dieser späten Liebeskummernummer.
An diesem schönen Sonntag fahre ich in ortsüblicher Tracht heim: Badehose und ein bis zur Brust offenes Hemd von Eugens Opa, auf dem Kopf mein Panama-Hut. Das kümmerlich goldgelbe Gewand liegt in einem Sackerl zu meinen Füßen.
(Wien, Neufeld a.d. Leitha/mm)