Wo einst Herr Tiger wohnte

Steht man zwischen Aspern- und Franzensbrücke und blickt Richtung letzterer, sieht man die Stelle, an der Emilie in den Donaukanal gesprungen ist. Keine Angst: sie wurde herausgefischt. Außerdem hat sich das vor fast hundert Jahren zugetragen. Und da Emilies Geschichte von Veza Canetti in „Die Gelbe Straße“ überliefert ist, bleibt offen, ob es Emilie überhaupt gegeben hat. Dreht man sich nun um, geht die Stufen hinauf und überquert die Obere Donaustraße, steht man am Beginn der Ferdinandstraße. Dort waren vor hundert Jahren die Lederhändler ansässig. Deren Waren und Geschäftsschilder, so eine Vermutung, gaben Canettis Buch den Namen. Das jüdische Leben, das den Hintergrund der „Gelben Straße“ bildet, vernichteten die Nazis. Ein „Stolperstein“ gedenkt 606 Menschen aus der Ferdinandstraße, die deportiert und ermordet wurden, und vier weiteren, die sich umbrachten.
Die Geschäfte und Cafés, in denen sich Herr Tiger und Herr Vlk, die Kohlenfrau und Frau Andrea herumtrieben, gibt es schon lange nicht mehr. Lederhändler sucht man ohnehin vergeblich. Das Foto- und Videogeschäft gegenüber Haus Nummer 29, in dem Veza Canetti bis 1934 lebte, hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Der Pediküresalon zwei Türen weiter ist im Urlaub. Und was der „Space“-Laden dazwischen anbietet, bleibt unklar.
Vorbei an den Häusern, wo die Runkel und Herr Iger wohnten. Ein Blick in die Tempelgasse: schwer bewaffnete Soldaten bewachen die Synagoge. Am Eck, gleich gegenüber dem Veza-Canetti-Park, ein koscherer Lebensmittelladen. Auch den gibt es laut dem Schild über der Tür erst „seit 1950“.
Am Ende der Ferdinandstraße trifft diese auf die Praterstraße. Dort ragt ein sechs Stockwerke hohes Gründerzeithaus in die Höhe. Ganz oben thront ein Türmchen, von dem aus man einst wohl bis ans andere Ende der Stadt sehen konnte. Nun wird es vom Luxushotel gleich dahinter buchstäblich in den Schatten gestellt.
(Wien/sl)