Was hat mich bloß so ruiniert?

Schlafstörungen, Gedankenkreisen, Gürtelrose, Weinkrämpfe, Wutausbrüche. Kurz nach Weihnachten schildere ich meiner Hausärztin einige Symptome, die mich seit einem halben Jahr begleiten. Ihre Diagnose: Überlastungsdepression und Burnout. Sie schickt mich in Krankenstand. Ich rechne damit, in wenigen Wochen zu genesen. Als keine Besserung eintritt, beantrage ich im April einen Reha-Aufenthalt. Ende Juni steige ich aus dem Auto, nehme mein Gepäck und betrete die Klinik. Sechs Wochen werde ich hier verbringen.
Rehakliniken für psychische Erkrankungen gibt es in Österreich seit rund 20 Jahren. Die PVA bezahlt die rund 10.000 Euro teuren Aufenthalte. In den Aufnahmegesprächen äußern die Patient:innen ihre Erwartungen: Arbeitsfähigkeit, Gesundung. Die Psychiater:innen stutzen dies auf ein realistisches Maß. In eineinhalb Monaten ist Besserung möglich, aber keine Genesung von Krankheiten, die bereits jahrelang Körper und Geist belasten.
Teilnahme an den Therapien ist verpflichtend, die sonstigen Regeln sind pandemiebedingt strikt: kein Besuch von Kultur- und Freizeiteinrichtungen, kein Wirtshaus, Alkohol ist ebenso verboten wie intime Beziehungen untereinander oder zum Personal. Ich unterschreibe die Hausordnung und weiß, dass ich mindestens eine dieser Regeln brechen werde.
Die therapeutischen Prozesse sind langwierig, die Gruppensitzungen anstrengend. Jede:r ist verletztlich. Manchmal entstehen fruchtbare Diskussionen, vor allem dann, wenn ein Thema viele betrifft: Wie kann ich Verhaltensmuster ändern? Wie erkenne ich meine Grenzen? Wie schaffe ich es, im Hier und Jetzt zu leben? All das klingt für gesunde Personen banal.
Das grundlegende Problem bleibt, dass in erster Linie interne Faktoren behandelt werden. Arbeitsüberlastung, Bossing, Mobbing, Arbeitslosigkeit werden kaum erwähnt. Gespräche über diese krankmachenden Aspekte finden in der Freizeit statt.
(Gars/pm)