Melange 1010

Die roten Plüschbänke sind immer noch zu neu. Vor zwei Jahren wurde renoviert. Wie zuvor hängen an den Wänden, dicht gedrängt bis an die Decke, Plakate aktueller wie längst vergangener Konzerte, Ausstellungen, Filme oder Theateraufführungen. Manches fand schon vor Jahrzehnten statt. Der Fliesenboden ist abgetreten, in der Luft immer noch ein Hauch abgestandenen Tabakrauchs. Doch der rote Plüsch sieht aus wie neu.
Tagsüber sitzen stets ein paar Herren an der Theke. Wenn das Alt-Wien sonst leer ist, hört man ihre Gespräche bis in den zweiten Raum. Wenn das „Kaffee“, wie es sich schreibt, gut besucht ist, so wie heute, dringen zumindest einzelne Worte in alle Ecken des ersten Raums.
Ins Alt-Wien gehen Stammkunden, Gelegenheitsgäste – in der Regel allein oder zu zweit – und auch Touristen. Von letzteren nicht zu viele, sodass die Einheimischen nicht wegbleiben. Und nicht zu wenige, sodass die weiß behemdeten Kellner ihre Englischkenntnisse nicht vergessen. Ganz hinten wurde bei der Renovierung ein dritter Raum eingerichtet. Doch das Alt-Wien findet im ersten Raum statt. Im zweiten sitzt man nur, wenn vorne keine Platz ist. Wenn auch hier alles voll ist, und ein Kellner nach hinten verweist, dann nickt man, schaut kurz in den riesigen hellen Saal und geht dann langsam Richtung Ausgang – hoffend, dass ein Platz freigeworden ist.
„Wir wissens einfach net“, sagt einer der Herren an der Theke, „nicht einmal die Wissenschaftler, die ändern ja auch ständig ihre Meinung.“ Sein Gegenüber murmelt bestätigend. Doch dieses tausendste Corona-Gespräch nimmt keine Fahrt auf. „Am ärgsten san die Sportler“, führt der erste aus, „olles haun sie sich rein, Doping, ois, aber impfen wollen sie sich net lassen.“ Sie trinken an ihren Bieren. Dann winkt der erste Herr dem Kellner und verlangt die Rechnung. Es ist dunkel geworden draußen, und das Alt-Wien füllt sich mit den Abendgästen.
(Wien/sl)