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Pyramidenpendeln im Waldviertel

„Spüren Sie was?“ Der Mann in blauer Outdoorjacke blickt auf und nickt. Auf Bauchhöhe hält er ein kupferfarbenes Pendel. „Hier an dieser Linie, und dort bei dem Pflock“, er deutet mit dem Kopf hinter sich, „da ist es ganz deutlich.“ Dann konzentriert er sich wieder auf sein Pendel. Er lässt es schwingen, geht ein paar Schritte und pendelt erneut. So umrundet er langsam die fast sieben Meter hohe Stufenpyramide, die sich auf einer Waldlichtung bei Ober Neustift erhebt.
Andere sind weniger begeisterungsfähig. „Das ist alles?“, hört man Leute sagen, die offenbar zu wenig esoterische Empfänglichkeit haben für diesen „radiästhetisch bedeutsamen Kraftplatz“, wie dieser Ort auf einer der Erklärungstafeln genannt wird. Worum es sich bei der halb verfallenen Pyramide mitten im Waldviertel handelt, zu welchem Zweck diese von wem und wann errichtet wurde, ist unklar. Eine Theorie verortet hier einen keltischen Kultplatz. Von einer mittelalterlichen Feuersignalstation liest man ebenso wie davon, dass die im nahe gelegenen Schloss Rosenau residierenden Freimaurer die Pyramide errichtet haben. In jedem Fall ist das merkwürdige Bauwerk und seine obskure Geschichte wie geschaffen für das lokale Tourismuslabel „Mystisches Waldviertel“. Bereits mehrmals wurde die Pyramide instand gesetzt, brach aber immer wieder teilweise ein. Den jüngsten Plan, das Bauwerk mit einem Betonfundament dauerhaft zu stabilisieren, lehnen „namhafte Geomanten und Radiästheten“ ab, wie man auf der Tafel lesen kann. Durch solche Maßnahmen würden „die Energien des Platzes erheblich gestört werden“.
Der blaubejackte Pendler hat die Pyramide inzwischen fast umrundet. Seine Begleiterin, die auf einer der Bänke gesessen und eine Jause verzehrt hat, ist nun aufgestanden und geht ihm entgegen. Sie hat den Steinhaufen wohl lange genug betrachtet.
(Ober Neustift/sl)

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