In der Wüste

Ob ich auch Englisch spreche, fragt mich ein ungefähr Dreißigjähriger. Zusammen mit einer etwas jüngeren Frau sitzt er neben einem Wohnwagen. Ich erkläre noch einmal, dass ich mich auf der besetzten Baustelle an der Hausfeldstraße umsehen möchte. Die beiden freuen sich. Er erzählt, wie es so läuft. Gerade seien nur wenige Menschen hier. Weitere seien im Camp beim Schlosspark Hirschstetten ein paar Kilometer nördlich und unweit der zweiten seit Ende August besetzten Baustelle der geplanten Straße. Diese ist Teil des Lobautunnelprojekts, das die Besetzer:innen verhindern wollen. Ich solle mich einfach umsehen, sagt der Mann. Nur wenn ich Personen fotografiere, müsse ich vorher fragen. Diesen Satz werde ich in den nächsten Stunden noch mehrmals hören.
Ein paar Meter weiter sitzen zwei etwa zwanzigjährige Frauen in der warmen Herbstsonne. Sie kommen aus Niederösterreich, erzählen sie, und seien heute zum ersten Mal hier. Wie lange sie bleiben, wissen sie noch nicht. Aber die Besetzung sei eine gute Sache, die wollten sie unterstützen.
Sonst ist hier niemand. Ich gehe zwischen ein paar Zelten vorbei bis ans Ende des Camps. Von hier aus zieht sich eine weite, zum Teil planierte Ebene, die von der U-Bahntrasse begrenzt wird. „Wüste“ nennen die Besetzer:innen die Schotterfläche, die seit Wochen darauf wartet, weiter bearbeitet und letztlich asphaltiert zu werden. Die Besetzer:innen jedoch haben ein paar Bäumchen gepflanzt – sie wollen die Wüste wieder begrünen.
Der englischsprachige Mann ist nun im Esszelt. Das Verhältnis zu den Leuten, die trotz Besetzung in den Baustellencontainern Büroarbeit machen, sei gut, sagt er. Man unterhalte sich, trinke auch mal Kaffee zusammen. Anrainer:innen kommen ebenfalls vorbei, bringen Essen und finden gut, was hier passiert. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Weg zum Schlosspark.
(Wien/sl)