An der Autobahn

Im Schatten der Südosttangente liegt das zweite besetzte Baustellenareal des Lobautunnel-Projekts. Links und rechts der Hirschstettner Straße erstrecken sich die derzeit lahmgelegten Baustellen, und da wie dort sind Zelte aufgebaut. Man findet Pavillons und einen aus Holz gezimmerten Infopoint. Wie beim zentralen Protestcamp ist dieser ständig besetzt, um Neuankömmlinge und Besucher:innen willkommen zu heißen. „Viele Leute sind grad nicht da“, erklärt mir die junge Frau, die in einer Hängematte in der Infopoint-Konstruktion hängt. Ich solle mich umsehen und beim Fotografieren halt aufpassen …
Vier weitere junge Frauen kommen soeben von der Baustelle hinter dem Infopoint. Sie sind am Weg zu einem der Zelte auf der anderen Straßenseite, wo sie essen wollen, und scheinen keine große Lust zu haben, sich mit mir zu unterhalten. Ich sehe mich um. Acht oder neun Zelte stehen in einer Grube, direkt daneben liegt eine Baggerschaufel. Der Essensstand ist verwaist, es ist sehr ruhig.
Ein Mann mit langen, angegrauten Haaren und bis zum Bauchnabel aufgeknöpftem Hemd kommt auf mich zu. Er möchte auf keinem Foto zu sehen sein, sagt er. Denn es gehe hier nicht um ihn oder andere Einzelpersonen, sondern um alle gemeinsam. Er fordert mich auf, mich mit ihm auf eine provisorische Holzbank unter einer Plane zu setzen und beginnt zu reden. Umständlich, dafür umso schneller erzählt er Anekdoten aus seinem Leben, das ihn um die ganze Welt geführt zu haben scheint. Für eine knappe halbe Stunde reisen wir in seinen abenteuerlichen Geschichten nach Afghanistan, Indien und in Wiener Vorstadtwohnungen. Währenddessen rauschen kaum hundert Meter von uns entfernt Lastautos über die meistbefahrene Straße Österreichs. Geht es nach der Wiener Stadtregierung, rauschen sie auch bald über die Stelle, an der ich gerade sitze und versuche, den Ausführungen meines neuen Bekannten zu folgen.
(Wien/sl)